Wieso eigentlich — Elektroautos?

Auf dem 18. Tech­ni­schen Kon­gress des Ver­bands der Auto­mo­bil­in­dus­trie in Lud­wigs­burg mach­te Ste­fan Nie­mand, Lei­ter der Elek­tro­au­to-Spar­te von Audi, am 18. März 2016 in sei­nem Vor­trag eine über­aus denk­wür­di­ge Aus­sa­ge:1

Es schmerzt mich, es zu sagen, aber Tes­la hat bis­her stra­te­gisch lei­der alles rich­tig gemacht. […] Wer ein­mal elek­trisch gefah­ren ist, der ist für alle Zei­ten für den Ver­bren­ner ver­lo­ren.

Die Zei­ten ändern sich, und zwar sehr schnell. Wir schrei­ben das Jahr 2016 und die kon­ven­tio­nel­len Auto­her­stel­ler müs­sen größ­te Anstren­gun­gen unter­neh­men, um die stän­dig stei­gen­den Umwelt­schutz­an­for­de­run­gen für Fahr­zeu­ge mit Ver­bren­nungs­mo­to­ren ein­zu­hal­ten. Das ist inzwi­schen offen­bar so schwie­rig gewor­den, dass sich eini­ge Inge­nieu­re nicht mehr anders zu hel­fen wis­sen, als mit fau­len Tricks zu arbei­ten, um die Vor­ga­ben zu erfül­len.

Bild 2: "Eine Idee, deren Zeit gekommen und wieder vergangen ist." Eine Anzeige von Volkswagen in den USA aus dem Jahr 1974 für den damals neuen Golf ("Rabbit"). Auch heute Symbol für den Anbruch einer neuen Zeitrechnung in der Automobilindustrie?
Abb. 2: “Eine Idee, deren Zeit gekom­men und wie­der ver­gan­gen ist.” Eine Anzei­ge von Volks­wa­gen in den USA aus dem Jahr 1974 für den damals neu­en Golf (“Rab­bit”). Auch heu­te Sym­bol für den Anbruch einer neu­en Zeit­rech­nung in der Auto­mo­bil­in­dus­trie?

So muss­te der Volks­wa­gen-Kon­zern 2015 unter mas­si­vem Druck zuge­ben, die Abgas­wer­te von Die­sel­fahr­zeu­gen per Mogel­soft­ware mani­pu­liert zu haben — ein Novum in der Geschich­te der Auto­in­dus­trie. Und auch ande­re Auto­mo­bil­her­stel­ler sahen sich gezwun­gen, uner­laub­te Abschalt­ein­rich­tun­gen zu ver­wen­den. Das müh­sam auf­ge­bau­te Sau­ber­mann-Image der Die­sel­tech­no­lo­gie ist seit­her schwer beschä­digt und Volks­wa­gen wird wohl noch meh­re­re Jah­re mit den Fol­gen der Affä­re zu kämp­fen haben. Doch die oben zitier­te Aus­sa­ge eines lei­ten­den Ange­stell­ten eben die­ses Kon­zerns zeigt: In der Bran­che hat ein Umden­ken ein­ge­setzt, das das Ende des Zeit­al­ters des Ver­bren­nungs­mo­tors ein­läu­ten könn­te. Und als Auto­mo­bil der Zukunft set­zen vie­le auf das Elek­tro­au­to.

Das Jahrhundert der fossilen Energie

Das Elek­tro­au­to. Eine Idee, die so alt ist wie das Auto­mo­bil selbst:

Bild 3: Der Flocken Elektrowagen von 1888 (Nachbau).
Abb. 3: Der Flo­cken-Elek­tro­wa­gen von 1888 (Nach­bau)

Nur zwei Jah­re nach der Paten­tie­rung des Benz-Motor­wa­gens von 1886 gab es das ers­te rein elek­trisch ange­trie­be­ne Auto. Doch ab 1910 ver­schwand der Antrieb wie­der von der Bild­flä­che, denn der Ver­bren­nungs­mo­tor stach die jun­ge Tech­nik vor allem dank sei­ner grö­ße­ren Reich­wei­te und sei­nes bil­li­gen Kraft­stoffs auf dem Markt aus. Bis in die 1990er Jah­re fris­te­te die Elek­tro­mo­bi­li­tät dar­um nur ein Nischen­da­sein. Seit­her machen Strom­au­tos aber wie­der mehr und mehr von sich reden und schi­cken sich nun, nach mehr als einem Jahr­hun­dert nahe­zu rein fos­si­ler Ener­gie­nut­zung, sogar an, den Ver­bren­nungs­mo­tor auf den Schrott­platz der Auto­mo­bil­ge­schich­te zu ver­ban­nen.

Die seit der Ent­de­ckung von Erd­öl als Brenn­stoff nahe­zu stän­dig stei­gen­de Ver­bren­nung fos­si­ler Brenn­stof­fe und der damit ver­bun­de­ne rasan­te Anstieg des CO₂-Gehalts in der Atmo­sphä­re sind nach nahe­zu ein­hel­li­ger Mei­nung der Kli­ma­for­scher die­ser Welt2 Haupt­ur­sa­che für den Kli­ma­wan­del und die glo­ba­le Erwär­mung. In Poli­tik und Gesell­schaft der gro­ßen Indus­trie­na­tio­nen ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten die Erkennt­nis gereift, dass es so wie bis­her nicht wei­ter­ge­hen kann.

Bild 4: Temperaturveränderungen auf der Welt im Zeitraum 1981 bis 2012 im Vergleich zum Durchschnitt des 20. Jahrhunderts. Dunkelblau: -2 Grad, Dunkelrot: +2 Grad Celsius. (Quelle: NASA GISS)
Abb. 4: Tem­pe­ra­tur­ver­än­de­run­gen auf der Welt im Zeit­raum 1981 bis 2012 im Ver­gleich zum Durch­schnitt des 20. Jahr­hun­derts. Dun­kel­blau: -2 Grad, Dun­kel­rot: +2 Grad Cel­si­us. (Quel­le: NASA GISS)
Bild 5: Schon moderate Temperaturschwankungen haben extreme Auswirkungen auf unseren Lebensraum. (Quelle: waitbutwhy.com, aus dem Englischen übersetzt und lokalisiert)
Abb. 5: Schon mode­ra­te Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen haben extre­me Aus­wir­kun­gen auf unse­ren Lebens­raum. (Quel­le: waitbutwhy.com, aus dem Eng­li­schen über­setzt und loka­li­siert)

Auch wenn sich die Hin­wei­se meh­ren, dass wir mit die­ser Erkennt­nis sehr spät oder gar zu spät dran sind, nimmt die Umstel­lung auf rege­ne­ra­ti­ve Ener­gie­quel­len seit­her immer mehr an Fahrt auf. Der damit ein­her­ge­hen­de tech­ni­sche Fort­schritt, die abseh­bar zur Nei­ge gehen­den Erd­öl­vor­rä­te und das welt­weit wach­sen­de öko­lo­gi­sche Bewusst­sein ange­sichts der nicht mehr über­seh­ba­ren, vom Men­schen gemach­ten Kli­ma­ver­än­de­run­gen haben auch die Idee des Elek­tro­au­tos wie­der zurück in das Bewusst­sein geru­fen: Könn­ten Stro­mer nicht viel­leicht eine sinn­vol­le Mobi­li­täts­al­ter­na­ti­ve zum kli­ma­schäd­li­chen Ver­bren­nungs­mo­tor sein?

Das Phänomen Tesla

Zuerst igno­rie­ren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämp­fen sie dich und dann gewinnst du.“ 3

Vor die­sem Hin­ter­grund wur­de im Jahr 2003 in Kali­for­ni­en die Tes­la Motors Inc. gegrün­det, ein allein dem Bau von Elek­tro­au­tos ver­schrie­be­nes Unter­neh­men, des­sen Chef Elon Musk von Anfang an mit der Mis­si­on ange­tre­ten ist, Elek­tro­au­tos zum Durch­bruch auf dem Mas­sen­markt zu ver­hel­fen. Nach schwie­ri­gen Anfangs­jah­ren des Bran­chen­neu­lings ist es nun­mehr größ­ten­teils Tes­la zu ver­dan­ken, dass die Mas­sen­pro­duk­ti­on von Elek­tro­au­tos heu­te zum Grei­fen nah ist.

Bild 1: Tesla Model S.
Abb. 1: Tes­la Model S

Der enor­me Erfolg des Tes­la Model S, das 2009 erst­mals prä­sen­tiert wur­de und seit 2012 aus­ge­lie­fert wird, hat selbst vie­le Bran­chen­ken­ner über­rascht. Im Jahr 2015 hat das Auto bei den Absatz­zah­len sowohl in den USA4 als auch in Euro­pa5 sämt­li­che Ver­gleichs­mo­del­le der ande­ren Pre­mi­um­her­stel­ler über­flü­gelt. Zwar gab und gibt es schon län­ger auch Elek­tro­fahr­zeu­ge ande­rer Her­stel­ler, aber kei­nes ver­moch­te auch nur ansatz­wei­se soviel Begeis­te­rung her­vor­zu­ru­fen wie die Tes­la-Ober­klas­sen­li­mou­si­ne, die den Begriff Elek­tro­au­to erst­mals mit hoch­at­trak­ti­vem Design, Spit­zen­leis­tung, Kom­fort und gro­ßer Reich­wei­te ver­bin­det.

Bild 6: Supercharger Station in den USA.
Abb. 6: Super­char­ger-Sta­ti­on in den USA

Dar­über hin­aus hat Tes­la in vie­len Län­dern bereits ein gut funk­tio­nie­ren­des Netz an Schnell­la­de­sta­tio­nen ent­lang der wich­tigs­ten Auto­bah­nen auf­ge­baut — die soge­nann­ten Super­char­ger, die eine Wei­ter­fahrt mit fast vol­lem Akku nach 30 Minu­ten mög­lich machen. Bis Ende 2017 soll deren Anzahl bin­nen 20 Mona­ten noch ein­mal ver­dop­pelt wer­den.6

Die­se Umstän­de erklä­ren, wie es Tes­la gelin­gen konn­te, nach der Vor­stel­lung des neu­en, preis­wer­ten Mit­tel­klas­se­wa­gens Model 3 im März 2016 inner­halb von nur einer Woche mehr als 300.000 Vor­be­stel­lun­gen zu erhal­ten, obwohl das Auto frü­hes­tens Ende 2017 aus­ge­lie­fert wer­den kann — ein bis­her nie dage­we­se­nes Phä­no­men in der Auto­in­dus­trie.7 Auf­ge­schreckt durch die­sen rasan­ten Auf­stieg eines anfangs müde belä­chel­ten “Möch­te­gern-Kon­kur­ren­ten”, trei­ben nun auch ande­re Her­stel­ler die Ent­wick­lung von preis­wer­ten Elek­tro­fahr­zeu­gen mit all­tags­taug­li­cher Reich­wei­te vor­an.

Das Prinzip Elektroauto — immer noch teils umstritten

Wir, die Auto­ren die­ses Blogs, haben die Ereig­nis­se und Weg­mar­ken die­ser Ent­wick­lun­gen mit gro­ßem Inter­es­se ver­folgt und muss­ten fest­stel­len, dass zum The­ma Elek­tro­mo­bi­li­tät eine Men­ge Halb- und Unwahr­hei­ten ver­brei­tet wer­den, die sich zum Teil unan­ge­nehm ver­fes­tigt haben.8 Dies liegt zum einen an der enor­men Geschwin­dig­keit des Wan­dels — vie­les von dem, was vor fünf Jah­ren noch stimm­te, ist heu­te bereits voll­kom­men über­holt. Zum ande­ren spie­len aber auch Fak­to­ren wie Skep­sis gegen­über neu­en Tech­no­lo­gi­en, all­ge­mei­ner Unwil­le zum Wan­del und nicht zuletzt hand­fes­te wirt­schaft­li­che Inter­es­sen (Stich­wort: tra­di­tio­nel­le Auto­lob­by) eine Rol­le.

Um etwai­ge aus Unwis­sen­heit oder sogar vor­sätz­lich ver­brei­te­te Unwahr­hei­ten zu ent­lar­ven, wol­len wir die häu­figs­ten Ein­wän­de, die gegen Elek­tro­au­tos erho­ben wer­den, in den fol­gen­den Kapi­teln einer kri­ti­schen Beur­tei­lung unter­zie­hen.

Elek­tro­au­tos — Die Ein­wän­de in der Über­sicht

Quel­len:
Abbil­dung 1/Titelbild: ©2014 Ran­eko9
Abbil­dung 2: ©2015 Mark Demers10
Abbil­dung 3: ©2011 Franz Haag11
Abbil­dung 4: ©2014 io9 / NASA GISS12
Abbil­dung 5: ©2015 waitbutwhy.com13
Abbil­dung 6: ©2013 Jeff Cooper14

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